Die Geschichte des Handlesens
Die Hand zu lesen ist älter als die Schrift, mit der man darüber schreibt. Was sich über die Jahrhunderte änderte, war nicht die Beobachtung – Falten in der Handfläche sind heute dieselben wie vor dreitausend Jahren –, sondern das, was man aus ihnen herauslesen wollte.
Wo es herkommt
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Eine Seite aus einem deutschen Chiromantie-Blockbuch, um 1510. Die Linien sind beschriftet: „Das ist die lini des hertz“, „des haupts“, „des lebens“ – Herz-, Kopf- und Lebenslinie. Unten am Handgelenk: „Die zwo marken lini haissend“ – die Raszetten. Die Erhebungen heissen schon damals „berg“. Holzschnitt von Jörg Schapf, nach Johannes Hartlieb. Österreichische Nationalbibliothek, gemeinfrei.
Indien
Die ältesten zusammenhängenden Beschreibungen stammen aus Indien. Das Hasta Samudrika Shastra – wörtlich etwa die Lehre von den Merkmalen der Hand – ist Teil einer grösseren Sammlung von Texten über Körpermerkmale. Hand, Fuss, Gesicht und Gestalt wurden darin gemeinsam behandelt, nicht die Hand allein.
Griechenland
Aristoteles erwähnt die Linien der Hand in seinen naturkundlichen Schriften – als Beobachtung, nicht als Weissagung. Bei ihm findet sich auch der Satz, dass die Linien nicht ohne Grund da seien. Die spätere Tradition hat sich darauf immer wieder berufen, meist mit grösserem Nachdruck, als der Text hergibt.
Die Namen der Planeten
Dass die Erhebungen der Handfläche nach Planeten heissen – Venus unter dem Daumen, Jupiter unter dem Zeigefinger, dann Saturn, Apollo, Merkur –, kommt aus der arabisch-griechischen Astrologie. Sie brachte auch die Vorstellung mit, dass sich dasselbe Muster am Himmel und im Körper wiederfinden lasse. Die Namen sind geblieben, die Begründung ist es nicht.
Mittelalter und Renaissance
In Europa lief das Handlesen jahrhundertelang nebenher: geduldet, verboten, wieder aufgenommen, je nachdem, wer gerade darüber befand.
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Aus Heinrich Cornelius Agrippas De occulta philosophia, 1533. Gemeinfrei.
Die erste deutsche Schrift
Johannes Hartlieb, Leibarzt am Münchner Hof, schrieb um 1448 die Kunst Chiromantia – eines der ersten Werke dieser Art in deutscher Sprache. Bemerkenswert ist, dass derselbe Hartlieb später ein Buch gegen die verbotenen Künste verfasste, in dem die Chiromantie mit aufgezählt wird. Beides von einer Hand.
Paracelsus
Paracelsus band die Hand in seine Signaturenlehre ein: Die Natur zeichne jedem Ding ein Zeichen ein, an dem man sein Wesen erkenne. Das war kein Handlesen im heutigen Sinn, sondern eine medizinische Vorstellung – und sie hat der Chiromantie in der Renaissance viel Ansehen verschafft.
Und das Verbot
Mit der Aufklärung verschwand die Chiromantie aus den Universitäten und rutschte auf den Jahrmarkt. Dort blieb sie lange – und von dort stammt das Bild, das die meisten heute noch im Kopf haben: das Zelt, die Kugel, die Vorhersage gegen Bezahlung.
Das neunzehnte Jahrhundert
Hier entsteht das meiste von dem, was heute in den Büchern steht – und auch das meiste von dem, was daran zweifelhaft ist.
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Johannes ab Indagine, Chiromantia, 1541 – eines der meistgedruckten Handlesebuecher seiner Zeit. Gemeinfrei, Polona.
Casimir Stanislas d’Arpentigny
Ein französischer Offizier, der 1843 La Chirognomonie veröffentlichte. Ihn interessierte nicht die Linie, sondern die Form: Handgrösse, Fingerlänge, die Gestalt der Fingerspitzen. Diese Trennung gilt bis heute.
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Adolphe Desbarrolles, fotografiert von Nadar, um 1880. Gemeinfrei, Gallica.
Adrien Adolphe Desbarrolles
Sein Les Mystères de la Main von 1859 war das erfolgreichste Handlesebuch des Jahrhunderts. Desbarrolles hat die Linien systematisiert und ihnen feste Bedeutungen gegeben – aber er hat sie auch mit Kabbala und Astrologie verknüpft und die Vorhersage zur Hauptsache gemacht. Vieles, was heute als alte Deutung gilt, ist in Wahrheit hundertfünfzig Jahre alt und stammt von ihm.
Woher das Zählen kommt
Die Vorstellung, man könne an den kleinen Linien unter dem kleinen Finger die Zahl der Ehen ablesen, ist eine Erfindung dieser Zeit. Sie hat sich gehalten, weil sie so einfach ist. Sie ist trotzdem falsch, und in dieser Auswertung wird nicht gezählt.
Das zwanzigste Jahrhundert
Charlotte Wolff
Ärztin, 1897 geboren, 1933 aus Deutschland vertrieben, später in London. Sie hat als erste versucht, die Hand mit den Mitteln der Wissenschaft zu untersuchen: systematische Aufnahmen, Vergleichsgruppen, Veröffentlichungen in Fachzeitschriften.
Ihre Ergebnisse sind umstritten geblieben. Ihr Ansatz hat trotzdem etwas verändert: Sie fragte nicht, was eine Linie bedeutet, sondern ob sich zwischen Hand und Mensch überhaupt etwas messen lässt.
Julius Spier
Spier nannte sein Verfahren Psychochirologie und arbeitete mit Handabdrücken statt mit Vorhersagen. C. G. Jung schrieb ein Vorwort zu seinem Buch – vorsichtig formuliert, aber es hat der Sache in Fachkreisen Türen geöffnet, die vorher zu waren.
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Noch eine Tafel aus derselben Ausgabe von 1541. Vierhundertachtzig Jahre später werden dieselben Linien gesucht – nur nicht mehr, um etwas vorherzusagen.
Dermatoglyphen – der wissenschaftliche Zweig
Das Studium der Hautleisten an Fingern und Handfläche ist echte Wissenschaft, und es hat mit Handlesen nichts zu tun ausser dem Gegenstand. Fingerabdrücke sind bei jedem Menschen verschieden und ändern sich nie. Bestimmte Muster in der Handfläche hängen mit Chromosomenstörungen zusammen – die sogenannte Vierfingerfurche etwa ist bei Trisomie 21 häufiger, kommt aber auch bei völlig gesunden Menschen vor.
Diese Muster entstehen im Mutterleib zwischen der zehnten und der sechzehnten Woche. Die drei grossen Beugefalten – Herz-, Kopf- und Lebenslinie – entstehen im selben Zeitraum. Das ist der einzige harte Befund in der ganzen Geschichte: Diese drei Linien sind da, bevor irgendetwas erlebt wurde.
Wie es hier gehandhabt wird
Diese Auswertung ist beschreibend. Sie sagt, wie eine Linie verläuft, und daneben, was die Chirologie dazu sagt. Sie sagt nichts voraus, und sie behält die Unterscheidung zwischen Befund und Deutung auch im Text bei.
Drei Wörter, die oft verwechselt werden
Chirognomie ist die Lehre von der Form der Hand – Grösse, Finger, Ballen.
Chiromantie ist die Lehre von den Linien, und das Wort trägt die Wahrsagerei im Namen: griechisch manteia, die Weissagung.
Chirologie ist der neuere Begriff für beides zusammen, ohne den wahrsagerischen Anspruch. Deshalb steht er hier.
Woher die Texte stammen
Die Texte wurden aus mehreren Quellen zusammengetragen und in eigenen Worten geschrieben. Geprüft wurden sie gegen den Atlas der Chirologie von Ise Berner.
Alle Abbildungen im Überblick
Anklicken zieht sie gross auf.
Zu den Abbildungen
Alle historischen Abbildungen auf dieser Seite sind gemeinfrei. Sie stammen aus Wikimedia Commons; Urheber und Sammlung stehen jeweils unter dem Bild. Die Zeichnungen der acht Linien sind eigene Zeichnungen und gehören DER Silbermuschel.










































































































































































































































































































